Mitten ins historische Zentrum Berlins zielt seit heute ein ungewöhnliches Kunstwerk – und trifft einen empfindlichen Nerv. An der Nordfassade des Humboldt Forum ragt nun der „Südpfeil“ hervor: ein fast vier Meter langes, bronzefarbenes Objekt, das gleichermaßen irritiert wie fasziniert.
Eine Intervention mit Geschichte
Geschaffen wurde die Arbeit von Jürgen Mayer H., einem international renommierten Architekten und Künstler. Sein „Südpfeil“ ist mehr als ein architektonischer Eingriff – er ist ein Verweis auf ein Ereignis aus dem Jahr 1822: Damals wurde in Norddeutschland ein Storch entdeckt, der von einem afrikanischen Pfeil durchbohrt war. Dieser sogenannte „Pfeilstorch“ gilt als früher Beleg für die weiten Migrationsrouten von Zugvögeln zwischen Afrika und Europa.
Die Installation greift diese Geschichte auf und überträgt sie in die Gegenwart. Migration, so die Botschaft, ist kein neues Phänomen – sie ist seit Jahrhunderten Teil globaler Verflechtungen.
Kunst als Störung – und Denkanstoß
Mit seiner reduzierten Form setzt sich der Pfeil bewusst von der monumentalen Architektur des Humboldt Forums ab. Die Jury lobte insbesondere die „subtile Einfachheit“ des Werks, das gerade durch seine Zurückhaltung eine starke Wirkung entfaltet.
Für Generalintendant Hartmut Dorgerloh liegt darin die eigentliche Stärke: Der „Südpfeil“ sei eine künstlerische Setzung, die irritiere und neue Perspektiven eröffne – etwa auf koloniale Kontinuitäten und den Umgang mit kulturellem Erbe.
Zwischen Wunde und Hoffnung
Der Pfeil lässt sich auf unterschiedliche Weise lesen. Als Symbol für Verletzung wirkt er wie eine sichtbare „Wunde“ im Baukörper – ein Hinweis auf die kontroversen Debatten, die das Humboldt Forum seit seiner Entstehung begleiten. Gleichzeitig kehrt seine Ausrichtung nach Süden gewohnte Perspektiven um und verweist auf das Spannungsverhältnis zwischen globalem Norden und Süden.
Doch die Deutung bleibt offen: In Anlehnung an mythologische Motive kann der Pfeil auch als Zeichen von Versöhnung verstanden werden – als Einladung, bestehende Ungleichheiten neu zu denken.
Ein Schlussstein mit Signalwirkung
Mit dem „Südpfeil“ ist das achte und letzte Kunst-am-Bau-Werk am Humboldt Forum vollendet. Entstanden ist der finale Entwurf in Zusammenarbeit mit Andre Santer, Hans Schneider und Jonas Schwarz – ein Gemeinschaftsprojekt, das die Handschrift eines Studios trägt, das international für experimentelle Architektur bekannt ist.
Bekannt wurde das Büro von Jürgen Mayer H. unter anderem durch das spektakuläre Projekt Metropol Parasol in Sevilla. Auch in Berlin setzt er nun einen Akzent – diesmal jedoch keinen raumgreifenden, sondern einen präzisen.
Ein Pfeil, der nicht abschließt, sondern öffnet: für Debatten über Geschichte, Verantwortung und die Frage, wie global unsere Perspektiven wirklich sind.
© Jürgen Mayer H., Südpfeil, 2026 /
Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Foto: David von Becker
