23. April 2024
Anna Maria Maiolino: Entrevidas [Zwischenleben], aus der Serie Fotopoemação [Fotogedichtaktion], 1981 Analoge Schwarz-weiß-Fotografien Foto: Henri Virgil Stahl

Neue Nationalgalerie: Entrevidas

Die Neue Nationalgalerie zeigt von Donnerstag, 25. bis Samstag, 27. Mai 2023 in der oberen Halle eine Performance der italienisch-brasilianischen Künstlerin Anna Maria Maiolino: „Entrevidas“ wurde erstmals 1981 im öffentlichen Raum in Rio de Janeiro realisiert. Auf einer Straße in der Innenstadt bahnten sich die Passanten ihren Weg durch hunderte, rohe Hühnereier. Das Ei als Symbol des Lebens mit seiner gleichzeitigen Fragilität thematisierte innerhalb dieses Settings die Atmosphäre von Gefahr während der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985). Mit der aktualisierten Version in Berlin weist Maiolino auf die Unsicherheiten der gegenwärtigen Zeit hin.

Anna Maria Maiolino (geboren 1942) konzipierte „Entrevidas“ (dt. Zwischenleben) zu einer Zeit, als die Militärdiktatur in Brasilien bereits über 15 Jahre an der Macht war und die Freiheit im Land stark einschränkte. Zu Beginn der 1980er-Jahre nahmen die Repressionen auf die Bevölkerung allmählich ab, eine demokratische Öffnung setzte sich jedoch noch nicht durch. Diesen Zustand der Ungewissheit, das Gefühl der Menschen, wie auf Eiern zu laufen, verdeutlicht die Performance. Auf einer gepflasterten Straße vor ihrem Studio in Rio de Janeiro verteilte Maiolino hunderte ungekochte Hühnereier und lud die vorbeikommenden Menschen dazu ein, sich durch diesen Hindernisparcours zu bewegen. Das Ei stand dabei einerseits für die Fragilität des Lebens, andererseits aber auch für einen Widerstandsmoment, indem es sich in einem gefahrvollen Umfeld behauptete.

Dieses historische Stück lateinamerikanischer Performancekunst erhält durch die Wiederaufführung in der Neuen Nationalgalerie eine aktuelle Relevanz. Gefühle von Unsicherheit und Bedrohung sind angesichts des Krieges in Europa, der weltweiten Klimakrise oder der tiefgreifenden Erschütterung durch die globale Corona-Pandemie omnipräsent. Ein Performer durchschreitet die weitläufige Installation aus Eiern in der Glashalle der Neuen Nationalgalerie und bezieht dabei das Publikum aktiv ein. Die serielle Anordnung organischen Materials in Verbindung mit dem bewegten Körper entfaltet in der von geometrischer Strenge geprägten Architektur Mies van der Rohes eine besondere Ästhetik.

Anna Maria Maiolino prägt seit den 1960er-Jahren die brasilianische Kunstszene maßgeblich mit. Die 1942 in Kalabrien geborene Künstlerin emigrierte im Alter von zwölf Jahren aus Süditalien nach Südamerika. 1960 zog sie von Venezuela zunächst nach Rio de Janeiro und später nach São Paulo, wo sie heute lebt und arbeitet. Ausgehend von ihrer eigenen Biografie nehmen die Themen Identität, politischer Machtmissbrauch und Feminismus einen zentralen Stellenwert in ihrem Werk ein. Ihre künstlerische Praxis zeichnet sich durch ein breites Spektrum an Disziplinen aus und reicht von Performance über Zeichnung, Druckgrafik, Film und Poesie bis hin zu Skulptur und Installation. Größere Einzelausstellungen richteten u.a. das MOCA – Museum of Contemporary Art, Los Angeles (2017), das MASP – Museu de Arte de São Paulo (2012), die Malmö Kunsthalle (2011), die Fundação Antoní Tàpies, Barcelona (2010) und die Pinacoteca do Estado de São Paulo (2005) aus. Seit der Wiedereröffnung im Sommer 2021 verfolgt die Neue Nationalgalerie den Programmansatz, verstärkt weibliche, nicht-westliche sowie performative künstlerische Ansätze zu zeigen.

„Entrevidas“

Anna Maria Maiolino: Entrevidas [Zwischenleben], aus der Serie Fotopoemação [Fotogedichtaktion], 1981 Analoge Schwarz-weiß-Fotografien Foto: Henri Virgil Stahl
Anna Maria Maiolino: Entrevidas, aus der Serie Fotopoemação, 1981
Foto: Henri Virgil Stahl
Gabriel Sitchin führt die ca. 45-minütige Performance zu folgenden Zeiten auf:

Donnerstag, 25. Mai 2023, 19 Uhr

Freitag, 26. Mai 2023, 17 Uhr

Samstag, 27. Mai 2023, 16 Uhr

Neue Nationalgalerie Berlin
Potsdamer Straße 50