22. September 2021
Blick von Unter den Linden.

Interview mit Franco Stella: Die Steine überzeugen

Das Berliner Schloss prägte Jahrhunderte die Mitte Berlins. Im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt, wurde es zu DDR-Zeiten gesprengt. 2013 erfolgte die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau. Unter dem Namen Humboldtforum soll das rekonstruierte Schloss als Kunst- und Kulturzentrum Ende 2019 eröffnet werden. Architekt des neuen Berliner Schlosses ist Professor Franco Stella aus dem italienischen Vicenza. MITTE bitte! hat mit ihm im Herbst 2017 gesprochen.

Herr Stella, was passiert momentan am Berliner Schloss?

Architekt Professor Franco Stella. Foto: Stella
Architekt Professor Franco Stella.
Foto: Stella

Die Fassaden sind fast fertig, über 1.000 Fenster wurden eingebaut. Die Kuppelhülle muss noch fertiggestellt und die Innenhöfe gepflastert werden. Im Herbst und Winter steht der weitere Innenausbau an. Wir liegen gut im Zeitplan und im Kostenrahmen.

Sie haben 2008 den internationalen Architekturwettbewerb gewonnen. Was hat sie gereizt, sich am Wettbewerb für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses zu beteiligen?

Es war die architektonisch-urbane Bedeutung des Berliner Schlosses und die geforderte Kombination von Alt und Neu. Das heißt, barocke und zeitgenössische Architektur treffen aufeinander. Dieses Wettbewerbsthema entsprach meiner Idee einer neuen Architektur, die sich an rationale Prinzipien des Alten anlehnt und sie weiterentwickelt.

Was war für Sie die größte Herausforderung?

Das neue Berliner Schloss soll sowohl ein barockes als auch modernes Monument der Stadt Berlin sein, ein hochmodernes Gebäude für Kunst und Kultur, das den höchsten gestalterischen und technischen Anforderungen entspricht Die Herausforderung war, aus diesen scheinbar widersprüchlichen Eigenschaften ein einzigartiges bereicherndes Wahrzeichen zu machen.

Andreas Schlüter ist der historische Architekt des barocken Schlosses. Sie sind sozusagen sein moderner Nachfolger. Wie viel Andreas Schlüter steckt in Ihren architektonischen Plänen?

Ich entwickle die architektonische Identität und urbane Bedeutung des Schlosses von Schlüter weiter. Meine Idee der neuen Architektur ist an die Lehre der antiken alten Baumeister angelehnt. So entsteht das Gebäude als vielflügeliger Palast, das Hausportal als Stadttor und der Hof als Theater- Piazza. Das Resultat ist ein Palast mit sechs Stadttoren und drei Stadtplätzen, also eine Art Stadt in Form eines Palastes. Sicher unterscheidet die Formensprache ganz eindeutig die neuen von den alten rekonstruierten Baukörpern. Jedoch sind die gemeinsamen architektonischen und urbanen Themen für den harmonischen Wohlklang des Neuen mit dem Alten viel wichtiger als die Ähnlichkeiten der Formensprache.

Warum braucht Berlin aus Ihrer Sicht dieses Stadtschloss?

Ich denke, dass Steine eine sehr viel größere Überzeugungskraft für die Vermittlung der Bedeutung eines Bauwerkes haben als Worte. Während der fünf Jahrhunderte seiner Existenz war das Schloss aus unterschiedlichen Gesichtspunkten das bedeutendste Bauwerk Berlins, war Residenz der brandenburgischen Kurfürsten, der preußischen Könige und der deutschen Kaiser. Ich stehe für die Rekonstruktion von Gebäuden mit hoher ziviler und architektonisch-urbaner Bedeutung, die von Naturkatastrophen oder einem gewaltsamen menschlichen Akt zerstört wurden. So ein Fall ist das Berliner Schloss.

Hätten Sie den Palast der Republik auch abgerissen?

Aufgrund seiner asbestbelasteten und energetisch nachteiligen Konstruktion sowie seiner aufgegebenen Funktion hätte seine damals euphemistisch beschworene Sanierung eher eine Rekonstruktion aus dem Nichts sein müssen, mit der des Schlosses vergleichbar. Dann stellt sich die Frage nach der Rekonstruktion eines jahrhundertealten „Meisterwerkes des europäischen Barocks“, um Schinkel Worte frei zu zitieren, und des ungeteilten Berlins oder der Rekonstruktion eines modernistischen Monuments des östlichen Berlins. Wie erklärt sich der urbane Standort und die grandiose Architektur des Alten Museums und des Berliner Doms oder die Abfolge privater und öffentlicher Paläste entlang den Linden? Für alle diese Fragen bzw. für das Verständnis der prinzipiellen Plätze und Bauten der Mitte Berlins war und wird das Berliner Schloss die bestmögliche Antwort.

Was bedeutet Ihnen Berlin über das Berliner Schloss hinaus?

Nach mehr als vierzig Jahren kultureller und persönlicher Beziehungen, kann ich sagen, dass Berlin eine zweite Heimat für mich ist. Mein erster Besuch geht auf die frühen 1970er Jahre zurück. Berlin war ein Schwerpunkt der Studien und Publikationen über die Architektur der europäischen Stadt, die ich in Zusammenarbeit mit älteren international bekannten Kollegen der Universität von Venedig, darunter Aldo Rossi und Carlo Aymonino, gemacht habe. Nach dem Fall der Mauer arbeitete ich an architektonischen Entwürfen für das neue Berlin und beteiligte mich an Wettbewerben für besonders wichtige öffentliche Gebäude, warum also nicht auch an dem für das Berliner Schloss und damit ausgerechnet an einem Thema, das ich als Mitglied des Preisgerichts des Wettbewerbs „Spreeinsel“ anfangs der 1990er Jahre schon getroffen hatte.

Sie kommen aus Vicenza, der Stadt des Andrea Palladio, eines der bedeutendsten Architekten der Renaissance. Was bedeutet Ihnen Palladio?

Palladio ist für mich einer der größten Meister, unabhängig davon, dass die „Stadt Palladios“ meine Heimatstadt ist. An Palladio bewundere ich besonders die Schönheit einer Moderne, die tief in der Antike verwurzelt ist.

Welche architektonischen Aufgaben warten auf Sie parallel zum Schlossneubau?

In Potsdam entsteht im Zusammenhang mit der Wiederherstellung der historischen Mitte der Stadt ein Gartenhaus, in dem übrigens auch Spuren von Palladio stecken, war doch von seiner Architektur Preußenkönig Friedrich II. sehr angetan. Und in Vicenza erhält der historische Domplatz mit seiner römischen Geschichte eine moderne Aufwertung. Diese beiden Projekte sind für mich nicht nur in Bezug auf den geschichtsreichen Kontext besonders wertvoll, sondern weil die Entfaltung der kulturellen Bedeutung der Architektur mit ihrer Sichtbarkeit verbunden ist.

Als Architekt des Berliner Schlosses sind Sie plötzlich weltberühmt geworden und werden in die Geschichtsbücher eingehen. Wie gehen Sie mit dieser Bekanntheit um?

Vielen Dank, ich lasse die Architektur sprechen und von ihren künftigen Nutzern und Beobachtern beurteilen.

Herr Stella, vielen Dank für die interessanten Ausführungen!

Das Interview führte Bärbel Arlt.


Bauherr ist die Mitte 2009 gegründete Stiftung Berliner Schloss–Humboldtforum, die die Interessen der künftigen Nutzer koordiniert und bündelt. Und sie akquiriert Spenden für die Wiedererrichtung der historischen Westfassade und der Kuppel.

Blick von Unter den Linden.
Blick von Unter den Linden.
Fotos: SBS Humboldt Forum/Arch. Franco Stella