Historisches vom Tacheles-Areal

Ein über 25.000 Quadratmeter großes Gelände am Tacheles, lange Zeit eine Brache, wird zwischen der Oranienburger Straße, der Friedrich- und der Johannisstraße neu bebaut. Das ehemalige Kunsthaus als Rest der Friedrichstadtpassage und die noch bestehenden Gebäude Friedrichstraße 112a und b werden dabei saniert und integriert. Errichtet werden mehrere Wohn- und Gewerbegebäude; das Tacheles soll wieder kulturell genutzt werden. Zur Oranienburger Straße öffnet sich das Quartier mit einem großen innerstädtischen und begrünten Platz. Eine innere Gasse zeichnet den früheren Verlauf der Passage nach. 2020 sollen die letzten Gebäude bezogen werden.

Von Harald Neckelmann

Friedrichstadtpassage in den Nr. 110-112
Die Ruine der Friedrichstadtpassage kurz vor dem Abriß 1982.
Die Ruine der Friedrichstadtpassage kurz vor dem Abriß 1982.
Foto: aus Berlin-Zentrum, B 46 252

Die Friedrichstadtpassage (oder Passage-Kaufhaus) in den Nr. 110–112 war ein von Franz Ahrens 1907–09 errichteter, fünfgeschossiger Stahlbetonbau mit Kuppel. In dem weitläufigen Inneren befanden sich zahlreiche Büros, rund 100 Läden und Stätten für Unterhaltung und Ausstellungen neben einer überdachten Passage. 1944 wurde der Komplex schwer bombenbeschädigt.

Seit 1990 nutzte das alternative Kulturzentrum Tacheles die denkmalgeschützte Ruine in der Oranienburger Straße sowie die beräumten Flächen in der Friedrichstraße. Das Gebäude wurde in 15 Monaten errichtet und als Kaufhaus mit dem Namen Friedrichstadtpassage eröffnet.

Säulengestützte Rundbögen, Allegorien, Balustraden, Figuren auf den Portalpfeilern, Kandelaber verbargen jeden Beton. Die Außenmauern wurden mit Sandstein nicht nur verkleidet, sondern aufwändig verziert. Der Gebäudekomplex schuf mit seinem L-förmigen Grundriss eine verkürzte Verbindung von der Friedrich- zur Oranienburger Straße.

Die Passage mit Blick zur Oranienburger Straße. Foto: aus Zeitschrift für Bauwesen, 1909, Blatt 6
Die Passage mit Blick zur Oranienburger Straße.
Foto: aus Zeitschrift für Bauwesen, 1909, Blatt 6

Die Friedrichstadtpassage war die zweitgrößte Einkaufspassage Berlins und der letzte große Passagenbau in Europa. Das Konzept sah das Flanieren in witterungsunabhängigen Straßen-Cafés und Ladenlokalen im Erdgeschoss sowie die Nutzung der Kuppelhalle als großes Clubhaus vor. In den oberen Geschossen waren Büroräume und Unterhaltungsstätten wie Theater und ein Konzertsaal geplant.

Aber schon während der Bauarbeiten änderte der Geschäftsführer der Berliner Passage-Bau AG die Planungen. Aus dem Kultur- und Geschäftshaus wurde ein Warenhaus mit verschiedenen Mietern des Detailhandels: die erste deutsche Shopping-Mall nach amerikanischem Muster. Das Konzept sah vor, die Läden ineinander überlaufen zu lassen und mittels einer zentralen Kassenstelle zu kontrollieren.

AEG nutzte das Gebäude ab 1928 als Haus der Technik. Foto: Landesarchiv 61 2341
AEG nutzte das Gebäude ab 1928 als Haus der Technik.
Foto: Landesarchiv 61 2341

Bereits nach einem halben Jahr (im August 1908) musste das Passage-Kaufhaus Konkurs anmelden und wurde von Wolf Wertheim, dem Sohn des Kaufhaus-Gründers, angemietet. Er eröffnete darin 1909 erneut ein Kaufhaus, doch noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde das Gebäude zwangsversteigert. Wie es zwischen 1914 und 1924 genutzt wurde, ist unbekannt. Ab 1928 wurde das Gebäude zur Hälfte von der AEG genutzt und fortan als »Haus der Technik« bezeichnet. Der Elektrokonzern präsentierte seine Produkte in 20 Schaufenstern, auf verschiedenen Etagen und einem eigens eingerichteten Vortragssaal, dem späteren Theater des Tacheles.

Anfang der 1930er Jahre wurde das Haus zunehmend von NSDAP-Mitgliedern genutzt, später zog die Deutsche Arbeitsfront mit Büros für den Gau Kurmark in das Gebäude und wurde 1941 auch Eigentümerin. Zeitgleich zog das Zentralbodenamt der SS ein. Ende der 1930er-Jahre fand hier die weltweit erste Fernsehübertragung statt.

Obwohl das Gebäude im Zweiten Weltkrieg nur mittelmäßig beschädigt wurde, sollte es aufgrund zweier Statikgutachten abgerissen werden. Der Abbau begann 1980. Der noch heute stehende Gebäuderest wurde zwei Monate vor seiner planmäßigen Sprengung im Februar 1990 von der Künstlerinitiative Tacheles besetzt.

Das Gelände am Tacheles wird seit einigen Jahren neu bebaut. Foto: A. Strebe
Das Gelände am Tacheles wird seit einigen Jahren neu bebaut.
Foto: A. Strebe

 

Friedrichstraße 112a

Die Aladin-Lichtspiele in der Nr. 112a, um 1900 erbaut, waren mit 246 Plätzen ein kleines Kino. Es bestand von 1932 bis 1957. Der Saal im ersten Stock war in orientalischem Design ausgestattet, sein Inhaber hieß Gustav Neddermayer. Bereits 1908 befand sich hier ein Kinematographentheater, das Überbrett‘l (eine Referenz auf das erste deutsche Kabarett).

Zeitgleich gab es in dem Gebäude das Bier- und Konzerthaus »Heidelberger Krug«. Seit 1916 besaß Neddermayer das Kino, das damals Passage-Lichtspiele hieß. 1920 änderte sich der Name in O.T.-Lichtspiele (Oranienburger Tor-Lichtspiele), O.T. hieß auch ein Tanzlokal im Erdgeschoss. Zuletzt hieß das Filmtheater von 1993 bis zu seiner Schließung Scala und galt als drittältestes in Berlin.

Ein anderes Kino, das Kino Camera, existierte nicht in der Nr. 112a, wie oft angegeben, sondern nebenan im Torbau der bombengeschädigten Friedrichstadtpassage. Das Kino des Staatlichen Filmarchivs konnte die Räume wegen ihres schlechten Zustandes nicht mehr nutzen und ließ 1958 den ehemaligen AEG-Vortragssaal ausbauen. In der Nr. 112a (Haus Zum Hufeisen) befand sich seit 1991 bis zum Beginn der Sanierung der Irish Pub Oscar Wilde. Das Nebengebäude Nr. 112b, gebaut 1894, beherbergte in den 1920er-Jahren unter anderem das Hotel „Reichsadler“ und ein Pensionat.


Der Journalist und Autor Harald Neckelmann lebt und arbeitet als Sachbuchautor, Dozent und Stadtführer in Berlin. Er hat bereits mehrere Bücher zur Geschichte und Gegenwart der Stadt veröffentlicht (u. a. „Unter den Linden“, „friedrichstraße berlin“). „Ab durch die Mitte“ führt durch Berlins historische Stadtviertel.