Legendäre Hotels: Hotel Kastanienhof

Seit 26 Jahren empfängt Familie Hauptmann in ihrem Hotel Kastanienhof in der Kastanienallee 65/66 in Prenzlauer Berg Gäste aus aller Welt. Doch die Geschichte der Familie lässt sich an diesem Ort bis in die 1920er Jahre zurückverfolgen, die des Gebäudes sogar bis ins 19. Jahrhundert. Darüber haben die Hoteliers Otto, Uwe und Maximilian Hauptmann sogar ein Buch geschrieben. Wir von MITTE bitte! haben darin geblättert.

Die Fassade in heutiger Ansicht.
Die Fassade in heutiger Ansicht.

Die Wurzeln des Hotels Kastanienhof, das heute von Großvater, Sohn und Enkel geführt wird, reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Damals war ein eigenes Haus so erstrebenswert wie heute. In jenen Jahren breitete sich Berlin aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs aus wie ein Krake.

Aus kleinen Industrieanlagen wurden große Unternehmen und tausende Menschen zog es zum Arbeiten in die Metropole, was wiederum einen ungebremsten Bauboom auslöste. Die Arbeiter und ihre Familien brauchten und suchten Quartier. Und wer konnte, baute. Auch Fuhrunternehmer Louis Kurtz aus der Torstraße (damals Wollankstraße). In der Kastanienallee und genau dort, wo heute das Hotel Kastanienhof und das Restaurant Ausspanne seine Gäste empfangen, baute er Häuser und Pferdeställe. 1867 zog Familie Kurtz in die stattlichen Bauten und um 1870 wohnten in den Häusern 73 Mietparteien. Der Fuhrmeister wird also bis zu seinem Tod im Jahre 1881 sein Auskommen gehabt haben.

Das 1871 zur Hauptstadt des Kaiserreichs erhobene Berlin überschritt Ende des 19. Jahrhunderts die Millionengrenze an Einwohnern. 1905 waren es schon über zwei Millionen, 1910 gar 3,7 Millionen. Und damit wuchs die Stadt zu einer der größten Mietskasernenstädte der Welt heran. Auch die Kastanienallee blieb davon nicht verschont. Doch nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Grundstück in die Strudel der Zeit Die Eigentümer wechselten in den Zwanziger- und Dreißigerjahren so schnell nacheinander, dass die Grundbucheintragungen alle aufeinanderfolgend im November und Dezember 1933 vollzogen wurden. Letzte Käufer des Grundstücks waren Boleslaus Schulz und Ehefrau – Besitzer der „Fleisch- und Wurst-Centrale“. Und dieser Metzger war kein Geringerer als der Großvater des heutigen Seniorchefs Otto Hauptmann.

Die alte gusseiserne Toilette war noch bis 1990 im Haus.
Die alte gusseiserne Toilette war noch bis 1990 im Haus.

Dann kam der Zweite Weltkrieg. Berlins Mitte war am schwersten betroffen. Von den 245.000 Gebäuden, die einst in der Stadt standen, waren 50.000 völlig zerstört oder nicht mehr zu reparieren. Die Häuser Nummer 65 und 66 aber waren, wenn auch beschädigt, stehen geblieben. Vielleicht war ein Grund dafür, dass dort eine sowjetische Kommandantur eingerichtet wurde. Mitte 1947 erhielt Familie Schulz ihr Eigentum zwar zurück, aber keinerlei Entschädigung für die in und am Gebäude entstandenen Schäden. Lediglich ein Bruchteil der ausgefallenen Mieteinnahmen wurde zurückerstattet.

Die alte Fassade zu DDR-Zeiten.
Die alte Fassade zu DDR-Zeiten.

Auch die Zeit des geteilten Deutschland war für die Hauseigentümer kein Segen. Die staatlich festgelegten niedrigen Mieten, Zuzugsgenehmigung für Berlin und Wohnungszuweisung ließen ihnen wenig Chancen, Wohnungen selbst zu vermieten. Geld aus Mieteinnahmen für Grundinstandsetzungen anzusparen war kaum möglich. An Modernisierungen war schon gar nicht zu denken, fehlte es doch permanent an Material und Handwerkern. Mitte der 1960er-Jahre wurde – trotz Protesten der Hausbesitzer – dann auch noch die originale Stuckverzierung an den Außenfassaden der Häuser 65 und 66 in der Kastanienallee abgeschlagen und grauer Kratzputz aufgetragen. Auch ein häufiger Mieterwechsel setzte den Häusern zu. Letztlich war Nummer 65 unbewohnbar und wurde aus dem Wohnraumbestand herausgenommen. Im Haus Nummer 66 standen drei von sieben Wohnungen leer und waren nicht vermietbar. Die Bemühungen der Eigentümer, beide Häuser in staatliche Verwaltung zu übergeben, scheiterten. Dagegen war die Stadt bereit, für die leerstehenden Wohnungen den Mietausfall zu bezahlen und Anfang 1989 wurde vom Bezirksbürgermeister Berlin-Mitte zugesichert, die Generalinstandsetzung der Häuser Anfang der 1990er Jahre einzuplanen.

Dann aber fiel die Mauer und der damals über 50-jährige Otto Hauptmann und sein Sohn Uwe standen vor einer absolut neuen und völlig veränderten Situation. Was mit dem Besitz tun? Sie entschieden sich, das Schulzsche Erbe zu bewahren und so wurde die Idee einer Pension geboren. Allerdings war auch dieser Weg sehr steinig. Doch die beiden waschechten Berliner und gelernten DDR-Bürger, denen Verzicht und Mangelwirtschaft in Ostdeutschland auch Tugenden gelehrt hatten, bissen sich durch. Dabei war nicht nur der Kampf mit Ämtern, Banken, Gerichten und dergleichen zu meistern, Otto und Uwe Hauptmann hatten auch noch gegen versuchte Hausbesetzungen vorzugehen.

Die Zimmer sind hell und modern gestaltet.
Die Zimmer sind hell und modern gestaltet.

Doch sie schafften es. Am 1. April 1992 konnte die Pension mit den ersten sechs Zimmern eröffnet werden. Die harte Arbeit zum Drei-Sterne-Hotel-Superior mit 44 Zimmern und Suiten aber ging weiter. Fahrstuhl, Feuerschutz, Einbruchsicherheit, PC- und Heiztechnik und vieles andere mehr musste nach neuesten Standards eingebaut werden. Stuckteile sollten jedoch erhalten bleiben. Die in Nummer 66 liegenden Mietwohnungen erhielten Balkons. Nummer 65, die ehemalige Pferde- und Autodurchfahrt, sollte das Entree des Hotels werden. Die zwei getrennten Hochparterrebereiche hingegen ein Ganzes – der Eingangsbereich mit dem Aufzug, die Rezeption mit ihren Nebenräumen. Als 2004 das Hotel Kastanienhof zum vierten Mal in Folge im bundesweiten Wettbewerb der beliebtesten Hotels zu den Top 30 gehörte und zum besten Drei-Sterne-Hotel Berlins gekürt wurde, war das einmal mehr der Beweis, dass sich alle Mühen und Arbeit gelohnt hatten.

Das gemütliche Restaurant Ausspanne in der Kastanienallee.
Das gemütliche Restaurant Ausspanne in der Kastanienallee.
Foto Kastanienhof

Allein beim Hotelbetrieb blieb es jedoch nicht. Im Jahr 2014 ist nicht nur das zweite Dachgeschoss ausgebaut worden, auch wurde die Gaststätte „Ausspanne“ eröffnet. An ihrer Einrichtung hat dann schon Maximilian Hauptmann, Sohn und Enkel von Uwe und Otto Hauptmann und dritter Mann in der Geschäftsführung, kräftig mitgewirkt.

Heute ist das Hotel Kastanienhof eine erstklassige Adresse für die Gäste Berlins, die überall auf Schritt und Tritt Berliner Geschichte und Geschichten atmen und erleben möchten. Und das können sie nicht nur auf den vielen historischen Fotos, sondern auch und vor allem in Gesprächen mit den Zeitzeugen der Geschichte – der Familie Hauptmann.

Blick vom Balkon auf die Kastanienallee.
Blick vom Balkon auf die Kastanienallee.
Fotos: Kastanienhof