19. September 2020

Verkehrsversuch Friedrichstraße startet kontrovers

Ab dem 29. August 2020 bis zum 31. Januar 2021 wird die Friedrichstraße zwischen Französischer Straße und Leipziger Straße für einen Zeitraum von fünf Monaten für den motorisierten Verkehr gesperrt. Der Bezirk Berlin-Mitte will in einem Verkehrsversuch daraus eine Flaniermeile Friedrichstraße auf Probe machen. Besucher, Einkaufende und Flanierende sollen den neu gewonnen öffentlichen Raum voll auskosten können, während Radfahrern mit einer sogenannten „Safety Lane“ eine sichere Durchfahrt mit einer maximalen Geschwindigkeit von 20 km/h gewährt werden soll.

Kein Konzept

Der Verkehrsversuch soll die Friedrichstraße attraktiver machen.
Der Verkehrsversuch soll die Friedrichstraße attraktiver machen.

Der sogenannte Verkehrsversuch ist mehrfach verschoben worden, unter anderem haben Anrainer ein fehlendes Konzept kritisiert. In einer gemeinsamen Erklärung von IHK, Handelsverband und DIE MITTE e.V. wird bemängelt, dass die Straße zwar für Autos gesperrt, statt einer Flaniermeile auf der gesamten Straßenbreite jetzt jedoch Radweg vorgesehen ist. Dieser Radweg würde die Straße mittig trennen, Fußgängern bliebe weiterhin nur der Gehweg vorbehalten. Die wenigen Querungsmöglichkeiten sind aus Sicht der Gewerbetreibenden bei weitem nicht ausreichend, um eine für Fußgänger attraktive Flaniermeile anzubieten. Für die Handelsunternehmen und Gastronomiebetriebe ist das eine schlechte Nachricht. 

Meinungen

„Senat und Bezirk müssen sich fragen lassen, ob sie beim Projekt Autofreie Friedrichstraße mit Blick auf die Zielsetzung immer mit offenen Karten gespielt haben. Bei der derzeitigen Planung sind Konflikte zwischen Flaneuren und Radfahrern jedenfalls vorprogrammiert. Das macht das Verweilen in der Friedrichstraße sicher nicht attraktiver. Es ist bedauerlich, dass die beteiligten Verwaltungen die Bereitschaft der betroffenen Gewerbetreibenden, an neuen Konzepten für eine Wiederbelebung der Friedrichstraße mitzuwirken, nicht aufgegriffen haben. Dabei könnte eine Umgestaltung der Friedrichstraße durchaus die Chance bieten, die Einkaufsmeile zu altem Glanz zurück zu führen. Stattdessen gibt es nun einen Schnellschuss ohne vernünftige Planung und ohne Einbeziehung der Akteure vor Ort. Partizipation sieht anders aus. Die Leidtragenden sind die Händler und Gewerbetreibenden.“

Jan Eder, Hauptgeschäftsführer IHK Berlin

„Statt gemeinsam ein tragfähiges Konzept zur Stärkung des Handels zu entwickeln, hat die Verkehrssenatorin nun einen Radschnellweg durchgesetzt. Gemütliches Bummeln ist so nicht möglich. Potenzielle Kundinnen und Kunden werden auf dem Gehweg durch die Straße geschleust ohne ausreichend Möglichkeiten zu haben, die Straßenseite zu wechseln. Dem Handel erweist der Senat so einen Bärendienst.“

Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer Handelsverband Berlin-Brandenburg

„Wir unterstützen die Aussagen von der IHK und vom Handelsverband Berlin-Brandenburg und fragen uns erstaunt, ob das die neue Form der Partizipation ist? Für eine Förderung der Wirtschaft der Friedrichstraße ist das in keiner Weise förderlich.“

Conrad Rausch, Sprecher DIE MITTE e.V.

Das Bezirksamt Berlin-Mitte sieht die Einwände der Wirtschaft gelassen und freut sich hingegen über die große positive Resonanz der Anrainer:

“Wir freuen uns, dass unser Angebot an die Gewerbetreibenden der Friedrichstraße, die sich – nach Auskunft der IHK – bereits vorher mehrheitlich für die Umgestaltung der Friedrichstraße ausgesprochen hatten, in den vergangenen Wochen intensiv genutzt wurde. Die Steigerung der Aufenthaltsqualität war von Beginn an ein wesentliches Ziel der Restrukturierung und bereits jetzt sind alle Baumpatenschaften übernommen worden. Die Nachfrage nach Ausstellungsmöglichkeiten für die Händlerinnen und Händler war sogar so groß, dass wir derzeit prüfen, fünf weitere Showcases anzuschaffen.“

Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel

Flanieren statt Flüchten

Mehr Leben soll die Friedrichstraße attraktiver machen.
Mehr Leben soll die Friedrichstraße attraktiver machen.

Was der Bezirk seinerseits für den Zeitraum des Verkehrsversuches bisher geplant hat, erinnert an den Testlauf “Friedrich, the Flaneur” aus dem vergangenen Jahr. Im Oktober 2019 wurde der öffentliche Raum schon einmal als Test für ein Wochenende umgestaltet, damit sich die Friedrichstraße von einer anderen Seite präsentieren konnte. Auch diesmal sollen die gleichen Ideen wie im vergangenen Jahr dazu einladen, die Straße im Herzen der Stadt neu zu erleben. Das Bezirksamt Mitte teilte mit, dass die Unternehmen vor Ort die Möglichkeit erhalten, den zur Verfügung stehenden Straßenraum zu nutzen, um Besuchenden beispielsweise zusätzliche kulinarische Genüsse anzubieten und ihre Waren in verglasten Pavillons (sog. Showcases) kostenlos auszustellen. Gemeinsam mit den beteiligten Unternehmen sollen Oasen der Erholung geschaffen werden, die die Flaniermeile Friedrichstraße im neuen Licht erscheinen lassen.