Das Russische Haus: Ein offenes Haus für alle

Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in der Friedrichstraße 176–179 feiert in diesem Jahr sein 35-jähriges Jubiläum. MITTE bitte! hat mit seinem Direktor Pavel Izvolskiy gesprochen.

Wie begeht das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur sein Jubiläum?

Direktor Pavel Izvolskiy
Direktor Pavel Izvolskiy

Wir feiern unser Jubiläum das ganze Jahr über mit verschiedenen Veranstaltungen. Das Hauptevent aber fand am 22. September statt und stand unter dem Motto „Moderne Kunst“. Begrüßen konnten wir in Berlin ansässige Botschafter, Vertreter des Senats, Freunde des Vereins Die Mitte e. V. sowie Mieter unseres Hauses in der Friedrichstraße. Angereist waren auch Vertreter der Diaspora aus verschiedenen russischen Städten, von Kulturinstituten und Russischer Häuser der Wissenschaft und Kultur aus anderen Ländern. Pianist Nikola Melnikov aus Moskau, Tänzer des Staatsballetts Berlin und das Folkloreensemble GZHEL begeisterten uns alle mit ihren Darbietungen.

Was macht dieses Haus so besonders?

Für russischsprachiges Publikum steht ein Besuch in unserem Haus völlig außer Frage. Wir führen viele Theaterstücke in russischer Sprache auf, ergänzt mit deutschen Untertiteln. Ausstellungen, verschiedene Kurse und Filmvorführungen ergänzen das Kulturangebot.

Der Konzertsaal mit Blick auf die Bühne.
Der Konzertsaal mit Blick auf die Bühne.

Mit welchem Ziel ist das Haus vor 35 Jahren gestartet und welche Aufgaben stehen heute an?

Das Ziel hat sich im Laufe der Jahre nicht verändert. Es geht damals wie heute um die Festigung der Freundschaft und der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Das betrifft in erster Linie die Zusammenarbeit in Kultur und Bildung sowie die Förderung der russischen Sprache. Wir veranstalten Konferenzen, Seminare oder Diskussionsrunden zu aktuellen Fragen. Die historische Entwicklung kann man übrigens in unserer Ausstellung in der ersten Etage verfolgen.

Dennoch – war die Wende 1989 nicht auch eine Wende für das Russische Haus?

Verändert haben sich die Bezeichnungen der Länder und des Hauses und die Formen der Zusammenarbeit haben sich gewandelt, die Mission aber ist die gleiche geblieben. Unsere Veranstaltungen sind seither qualitativ hochwertiger und anspruchsvoller geworden. In diesem Jahr traten zum Beispiel hochkarätige russische Tanzensembles wie GZHEL und LEZGINKA sowie Volkschöre aus Rjazan und Sibirien auf. Einmal im Jahr veranstalten wir die Woche des russischen Films, zeigen aktuelle Neuerscheinungen und Retrospektiven. Am 25. November beginnt die nächste russische Filmwoche. Unser Anspruch ist es, mit dem hohen kulturellen Spektrum in Berlin Schritt zu halten. Zudem arbeiten wir jeden Tag an unserem Image, haben unser Logo erneuert, bringen hochwertige Broschüren heraus und nutzen alle Kommunikationswege, um mit den Menschen in Kontakt zu treten.

Der sibirische Volkschor.

Wo ist eigentlich die Leninsäule geblieben?

Ursprünglich hatten wir drei Leninsäulen: einmal sitzend mit einem Buch von Karl Marx – sie wurde in den 1990er-Jahren abgebaut und nach Russland geschickt. Es gibt noch eine Büste und eine lebensgroße Figur, die beide in unserem Museum ausgestellt werden, das demnächst eröffnet. Eine der Skulpturen stammt übrigens von Jewgeni Wutschetitsch, dem gleichen Bildhauer, der das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park geschaffen hat.

Deutschland und Russland haben eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte – spiegelt sich diese im Haus wieder? 

Das Russische Haus hat auch eine Bibliothek.
Die Bibliothek des Hauses.

Im Deutschen Historischen Museum gab es vor einigen Jahren eine Ausstellung zur tausendjährigen Geschichte zwischen den beiden Ländern, die nicht erst 1945 oder 1989 begonnen hat. Katharina die Große, Peter der Erste, die deutschen Prinzessinnen, die Frauen russischer Zaren wurden oder die russischen Großfürstinnen, die deutsche Fürsten und Herzöge heirateten – all diese Persönlichkeiten und ihre Geschichte finden sich zum Beispiel in Theateraufführungen wieder. Natürlich gibt es auch wirtschaftliche Beziehungen und sprachliche Verflechtungen. Auch die Geschichte der Wolgadeutschen, der russischen Auswanderer sowie die Folgen der beiden Weltkriege sind Bestandteil unserer Veranstaltungen.

Wer besucht die Veranstaltungen im Haus?

Das ist ganz unterschiedlich. Eine Ballettaufführung wird meist von Deutschen besucht. Theateraufführungen – insbesondere moderne Stücke – sind interessanter für russischsprachiges Publikum. Wir begrüßen auch Gäste aus allen Republiken der ehemaligen Sowjetunion, aus der Mongolei, aus Polen, Tschechien und der Slowakei.

Welche bekannten Persönlichkeiten konnten begrüßt werden?

Von 1988 bis 1990 war Kosmonaut Walerij Bykowskij, der gemeinsam mit Sigmund Jähn im All war, Direktor des Russischen Hauses. Beide sind leider in diesem Jahr im Abstand von nur sechs Monaten verstorben. Walentina Tereschkowa, die erste Frau im Kosmos, war viele Male zu Gast. Auch viele Politiker, Künstler und Schriftsteller konnten wir begrüßen.

Welche Veranstaltungen möchten Sie den Berlinern und ihren Gästen in den kommenden Monaten besonders ans Herz legen?

Im Dezember erfreut uns der Staatliche Akademische Chor des Russischen Nordens mit einem „Weihnachtsmärchen aus dem russischen Norden“. Zum Jahresabschluss am 29. und 31. Dezember wird das Ballett „Der Nussknacker“ aufgeführt. Für Kinder veranstalten wir Jolka-Feste zum Jahresende. Das größte Fest des Jahres ist in Russland jedoch die Silvesterfeier. Familien und Freunde begrüßen das neue Jahr mit einem großen Fest, einem reich gedeckten Tisch und Väterchen Frost bringt die Geschenke.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist auch der wissenschaftliche Austausch. Wie wird er gefördert?

Wir bieten wissenschaftliche Vorträge sowie Sprachkurse an und beraten Studenten zu Studienmöglichkeiten in Russland. So machen wir auch einen gewissen Teil der deutschen beziehungsweise multikulturellen Landschaft in Berlin aus. Bildung ist uns ein wichtiges Anliegen.

Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit mit der Stadt Berlin ein?

Wir arbeiten in verschiedenen Bereichen zusammen und kooperieren eng mit der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Vor zwei Jahren haben wir eine Vereinbarung unterzeichnet, um die russische Sprache in städtischen Schulen zu fördern. Im Gegenzug nimmt die Senatsverwaltung an Veranstaltungen wie die Woche der russischen Sprache teil.

Sie sind seit zwei Jahren Direktor. Mit welchen Zielen sind Sie gestartet?

Meine Hauptmission hier in Berlin besteht darin, neues Publikum für das Haus zu gewinnen, die Qualität unserer Veranstaltungen zu erhöhen und das Russische Haus stärker wahrnehmbar zu machen. Unser Haus ist offen für alle und wir begrüßen jeden sehr gern, der sich dafür interessiert.

Haben Sie sich in Berlin inzwischen eingelebt?

Ich brauche jedenfalls kein Navi mehr, um durch die Stadt zu fahren. Das hilft mir insofern, weil ich ein begeisterter Radfahrer bin und Berlin mit anderen Augen wahrnehmen kann als aus dem Auto. Im Sommer radele ich sehr gern an der Spree entlang, durch Charlottenburg, Tegel, Grunewald bis Potsdam. Berlin ist eine große grüne Stadt und es macht Spaß, sie zu erkunden. Ich vermisse meine alten Freunde, die ich zurückgelassen habe, aber hier habe ich neue Freunde gewonnen.

Und wie schaut es mit der russischen Küche aus?

Ich koche am liebsten selbst und heize auch gern den Grill an.

Herr Izvolskiy, vielen Dank für das Interview – спасибо за интервью!

Das Interview führte Anja Strebe.


Das am 5. Juli 1984 eröffnete Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin (RHWK) ist das größte im Ausland agierende Kulturinstitut weltweit und residiert im größten Gebäude, das je für die Zwecke der Vertretung der Kultur und Wissenschaft errichtet wurde. Fast 200.000 Menschen nehmen jährlich an Veranstaltungen und Programmen des Hauses teil.

Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur.
Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur.
Fotos: Russisches Haus