Mitte brummt – und das ist anstrengend

Die Redaktion von MITTE bitte! hat mit Stephan von Dassel, Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, über die ihn bewegenden Themen und die Entwicklung in seinem Stadtbezirk gesprochen.

Herr von Dassel, Sie sind genau seit zwei Jahren im Amt und damit nicht mehr der Neue. Wie lautet Ihre persönliche Bilanz?

Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel bei der Arbeit.
Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel bei der Arbeit.
Foto: Bezirksamt Mitte

Berlin und erst Recht Mitte brummt. Das ist toll, aber auch unglaublich anstrengend – nicht nur für alle Menschen in Mitte, sondern auch für die Verwaltung. Denn sie war richtig kaputtgespart worden. Das heißt, auch nach zwei Jahren bin ich noch lange nicht da, wohin ich mit dem Bezirksamt Mitte und dem Bezirk Mitte will.

Welche Themen bewegt Mitte? Welche Themen bewegt Sie? Was sind aktuell Ihre vordringlichsten Projekte?

Mitte wächst. Hier leben inzwischen 50.000 Menschen mehr als zum Anfang der letzten Wahlperiode. Und das spürt man; leider vor allem da, wo es am Existentiellsten ist: der eigenen Wohnung. Die Verteuerung und Verknappung von Wohnraum ist dramatisch und sozial total ungerecht. Aber auch die Probleme im öffentlichen Raum – von Obdachlosigkeit, über touristische Übernutzung bis viel zu viel wildem Abfall auf den Straßen und in Grünanlagen – machen mir Sorgen. Und es ist eine riesige Katastrophe, dass über zehn Prozent von Mittes Jugendlichen die Schule ohne Schulabschluss verlassen.
Ich kämpfe für ein Mitte, das allen die Teilhabe an unserer Gesellschaft ermöglicht – sei es durch einen guten Schulabschluss, sei es durch eine bezahlbare Wohnung, sei es durch genug Sicherheit im öffentlichen Raum.

Die Friedrichstraße hat offensichtlich an Glanz verloren. Was wollen Sie tun, um diese Entwicklung aufzuhalten?

Ich finde, die Friedrichstraße glänzt schon noch. Aus meiner Sicht war es aber ein Riesenfehler, die Friedrichstraße nicht zu einer Fußgängerzone mit Straßenbahn zu machen. Welche Geschäfte sich dort ansiedeln, kann der Bezirk kaum beeinflussen, aber ich kann mir nach wie vor dort eine Fußgängerzone als Einkaufsstraße vorstellen – mit den entsprechenden Querungsmöglichkeiten für den motorisierten Verkehr.

Wie sehen Sie den Verdrängungswettbewerb im Einzelhandel in Mitte?

Ich bin kein Freund von Ketten und im Internet kaufe ich so gut wie nie etwas. Insofern schmerzt es mich sehr, wenn funktionierende Läden nur wegen höherer Ladenmieten aufgeben müssen. Hier brauchen wir endlich einen besseren Schutz auch von Gewerbemietern. Auf einen wirklich guten Bäcker warte ich nun aber schon Jahrzehnte.

Auch Unter den Linden war einmal eine Prachtstraße, mit der man heute keinen Staat mehr macht. Wie kann die Aufenthaltsqualität verbessert werden?

Jetzt gilt es erst einmal das Ende der U5-Baustelle abzuwarten. Auch hier bleibe ich dabei, dass eine moderne Straßenbahn dem Boulevard besser getan hätte als die sündhaft teure U-Bahn. Ohne die Baustellen werden die Linden aber wieder prächtig sein, da bin ich mir ganz sicher. Und vielleicht könnte der Mittelstreifen ja ein guter Ort sein, qualitativ hochwertige Straßenmusik an festgelegten Orten zu erproben.

Seit neuestem gibt es ein kooperatives Standortmanagement für Mitte. Was sind seine Aufgaben?

Auftaktveranstaltung zum Kooperativen Standortmanagement.
Auftaktveranstaltung zum Kooperativen Standortmanagement.
Foto: A. Strebe

Bedarfe und Probleme bei den betroffenen Unternehmen abfragen und daraus eine gemeinsame Strategie für den Stadtraum entwickeln, in die sich Wirtschaft, Politik und Verwaltung einbringen. Kooperativ heißt ja zweckgerichtet und zusammenwirkend handeln. Wo, wie und mit wem, das wollen wir in den nächsten Monaten gemeinsamen mit den Akteuren vor Ort festlegen.

Standortmanagement, Stadtwerkstatt, Stiftung Zukunft Berlin – haben alle dieselben Ziele oder kocht doch jeder sein eigenes Süppchen?

Sie haben das Alex-Management vergessen, für das ich mich sehr stark mache, und das genau das verhindern will. Es gibt so viele, oft sehr gut gemeinte Initiativen für die Mitte der Stadt, die durch das Neben- und manchmal auch Gegeneinander aber oft viel weniger bewirken als es möglich wäre. Hier kann Koordinierung und Bündelung ein echter Segen sein für die Stadt.

Dazu kommen die eigeninitiativ gegründeten Standortvertretungen wie DIE MITTE e.V., Leipziger Straße, Nikolaiviertel oder Alexanderplatz – um nur einige zu nennen – und kämpfen für eine Aufwertung ihrer Gegend. Wie werden diese in ihrer Arbeit unterstützt?

Genau dafür soll das kooperative Standortmanagement sein: Interessen so zu bündeln, dass klar ist, dass es keine Einzelinteressen sind, sondern dass hier das Bezirksamt Dinge verändern muss. Die Kunst ist und bleibt zu erkennen, wo die Initiativen selbst handeln sollen und können und wo die Unterstützung der Stadt gefragt ist. Aber ich bin sicher, die Initiativen bleiben selbstbewusst genug, um diese dann auch von der Politik einzufordern.

Mitte ist vielschichtig und mehr als Moabit und Wedding. Das Regierungsviertel kommt in der Vorhabenliste mit zwei Projekten etwas knapp davon. Warum ist das so und welche Prioritäten haben da Vorrang?

Im Regierungsviertel leben sehr wenig Menschen. In der Bezirksregion Alexanderplatz geht wiederum richtig die Post ab – vor allem bei der Verbesserung der sozialen Infrastruktur. Dazu gehören ausreichende Kita- und Schulplätze. Sie sind Pflichtaufgabe und müssen dann auch Vorrang haben.

Mitte bleibt touristischer Anziehungspunkt.
Mitte bleibt touristischer Anziehungspunkt.
Foto: A. Strebe

Mitte ist auch Regierungssitz, welche Unterstützung wünschen Sie sich vom Senat? Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Eigentlich gut, aber die Schwierigkeiten drängen sich ja immer mehr ins Bewusstsein. Wichtig wäre, dass wir in Berlin – Senat, Bezirk, aber auch die Stadtgesellschaft – einen Konsens zur Inanspruchnahme des öffentlichen Raumes durch Veranstaltung und Feste finden. Hier muss ganz klar lieber weniger und dafür mehr Qualität unser Anspruch sein. Viele Plätze sind so schön, die brauchen darauf keine zusätzlichen Holzbuden oder Verkaufsstände. Und bei Mega-Projekten wie der Kunstinstallation DAU Freiheit muss vorher klar sein, ob wir als Land Berlin öffentlichen Raum dafür über Wochen der Öffentlichkeit entziehen wollen und ob es sicherheitstechnisch verantwortbar ist. Dann wäre unserer Verwaltung unglaublich viel unnütze Arbeit erspart geblieben.

Spätestens zur Weihnachtszeit beginnt wieder der Wettbewerb um die schönste Beleuchtung in den Straßen. Was tut der Bezirk, welche Unterstützung gibt es?

Ich hoffe auf die Selbstorganisation der Wirtschaft. Wenn es aber klemmt, helfen wir gerne, Hürden zu beseitigen. Doch finanzieren können wir Weihnachtsbeleuchtung leider nicht.

Welche Gegend in Mitte würden Sie für einen Sonntagsspaziergang empfehlen?

Der Politiker von Bündnis 90/Die Grünen nutzt gern das Rad.
Der Politiker von Bündnis 90/Die Grünen nutzt gern das Rad.
Foto: Bezirksamt Mitte

Immer dort, wo am Ende des Spaziergangs ein guter Kuchen lockt. Und der ist erstaunlicherweise inzwischen in Tiergarten – zum Beispiel das Café Buchwald – aber auch im Wedding – hier die Kleine Mensa – leichter zu bekommen als in Mitte.

Welche Ecke lieber nicht?

In Mitte gibt es keine Ecke, die man einfach links liegen lassen kann. Überall gibt es so viel zu entdecken. Oft reichen ein paar hundert Meter und schon ist man fast in einer anderen Welt. Und wie sagt der Berliner? Wenn nicht schön, dann aber selten.

Herr von Dassel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Anja Strebe.