20. Mai 2024
Frans Hals, Porträt eines Paares, vermutlich Isaac Abrahamsz Massa und Beatrix van der Laen, um 1622, Amsterdam, Rijksmuseum, © Rijksmuseum, Amsterdam

Frans Hals ab Juli in der Gemäldegalerie

Im Sommer 2024 feiert Berlin einen der größten Porträtmaler aller Zeiten: Frans Hals zählt wie Rembrandt und Vermeer zu den herausragenden niederländischen Malern des 17. Jahrhunderts. Neben unkonventionellen, ausdrucksstarken Bildnissen malte er als erster Künstler Hollands Außenseiter der Gesellschaft als Individuen in Lebensgröße. Wie bei keinem anderen Künstler der Frühen Neuzeit prägte die Wiederentdeckung des Haarlemer Malers im 19. Jahrhundert die Entwicklung der modernen Malerei. In Kooperation mit der National Gallery, London, und dem Rijksmuseum, Amsterdam, organisiert die Gemäldegalerie eine umfassende Ausstellung mit rund 85 Werken von Hals und seinen Zeitgenossen.

Frans Hals (1582/83–1666) gehört heute zu den bedeutendsten Porträtisten überhaupt. Neben großformatigen Schützen- und Regentenstücken schuf er zahlreiche Einzelbildnisse des niederländischen Bürgertums in Haarlem, wo er sein ganzes Leben verbrachte. Hals‘ Werke zeichnen sich durch ungewöhnliche Lebendigkeit und treffende Charakterisierung aus. Seine mit kühnem Pinselstrich ausgeführten, skizzenhaft wirkenden Gemälde beeinflussten die Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Viele Maler der Avantgarde sahen in Hals einen ihrer Vorläufer.

Frans Hals, Malle Babbe, um 1640, Berlin, © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt
Frans Hals: Malle Babbe, um 1640, Berlin.
© Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Die Berliner Gemäldegalerie bewahrt mit zehn Werken eine der umfangreichsten und hochkarätigsten Sammlungen an Bildern von Frans Hals weltweit, darunter Highlights wie die „Malle Babbe“, das „Porträt der Catharina Hooft mit ihrer Amme“ oder den „Knaben mit Flöte“.

Unter den insgesamt 85 Werken der Ausstellung befinden sich rund 50 der bedeutendsten Gemälde von Frans Hals aus über 20 öffentlichen und privaten Sammlungen in Europa, den USA und Kanada – darunter Highlights wie „Isaac Abrahamsz Massa und Beatrix van der Laen“ aus dem Rijksmuseum, „Junger Mann mit Totenkopf“ aus der Londoner National Gallery und „Der Lautenspieler“ aus dem Musée du Louvre. Gezeigt werden auch Werke, die niemals zuvor in Deutschland ausgestellt waren. Dazu zählt das monumentale, über vier Meter breite Schützenstück „De magere compagnie“ ebenso wie zwei außergewöhnliche Gemälde aus den Beständen des Museums für westliche und östliche Kunst in Odessa. Bei Letzteren handelt es sich um Hals‘ Darstellungen der Evangelisten Matthäus und Lukas, die erst Ende der 1950er-Jahre wiederentdeckt worden sind und thematisch eine absolute Ausnahme im Werk des Malers verkörpern.

Neben den Topstücken von Hals präsentiert die Sonderausstellung auch Werke seines Umfelds, seiner Konkurrenten in Haarlem und seiner Schüler. Auf diese Weise wird Hals in Berlin als Ausnahmeerscheinung im Kontext seiner Zeit verortet und als Künstlerpersönlichkeit wie auch als Lehrer greifbarer. Zu seinen Schüler zählen beispielsweise Adriaen Brouwer, Adriaen van Ostade und Judith Leyster, die als eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Niederlande gelten kann. Die Einbeziehung von Werken der Schüler verdeutlicht, dass Hals ihre individuellen Talente und die Spezialisierung auf unterschiedliche Gebiete förderte.

Der beispiellos freie Malstil, den Hals für seine Porträts und Genrebilder einsetzt, macht ihn zum modernsten Künstler seiner Zeit. Statt konventioneller Posen gibt er den flüchtigen Moment einer Bewegung oder eines Ausdrucks wieder. Seine meisterhaft illusionistische Malweise lässt die Dargestellten lebendig, offen und nahbar wirken. Hals widmet sich ihren individuellen Eigenheiten unvoreingenommen, mit Neugier, Witz und Anteilnahme. Das Lachen oder Lächeln ist dabei ein Schlüsselelement: Auf unübertroffene Art versteht er es, lachende Figuren wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. Er malt soziale Außenseiter ebenso hingebungsvoll wie die bürgerliche Oberschicht. Mit seinen innovativen Genrebildern und Charakterstudien in Lebensgröße verhilft er Randgruppen der Gesellschaft, die in der zeitgenössischen Porträtmalerei keinen Platz finden, zu bis dahin ungekannter Sichtbarkeit.

Nicht nur in dieser Hinsicht, sondern auch aufgrund seines virtuosen Farbauftrags sowie der Spontaneität und Unmittelbarkeit seiner Darstellungen kann Hals als Vorreiter der Moderne gelten. Ende des 19. Jahrhunderts finden sich Realisten und Impressionisten wie Max Liebermann, Wilhelm Leibl und Lovis Corinth in seiner Malerei wieder und nutzen sie als Inspirationsquelle. In Berlin werden daher Werke dieser Künstler im Kontext ihres großen Vorbilds gezeigt. Dadurch wird nicht nur die spezifische Qualität von Hals‘ Werken besonders deutlich, sondern auch ihre weitreichende Wirkung auf die Entwicklung der europäischen Malerei.

Die Kooperationsausstellung war vom 30. September 2023 bis 21. Januar 2024 in der National Gallery, London zu sehen, läuft aktuell vom 16. Februar bis 9. Juni 2024 im Rijksmuseum, Amsterdam, und wird vom 12. Juli bis 3. November 2024 in der Berliner Gemäldegalerie präsentiert.

Die Berliner Ausstellung wird kuratiert von Katja Kleinert, Kuratorin für niederländische und flämische Kunst des 17. Jahrhunderts, und Erik Eising, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Gemäldegalerie. Begleitend zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog.


Frans Hals. Meister des Augenblicks

12. Juli – 3. November 2024

Eine Sonderausstellung der Gemäldegalerie – Staatliche Museen zu Berlin, der National Gallery, London, und des Rijksmuseums, Amsterdam

Eröffnung: Donnerstag, 11. Juli 2024, 19 Uhr

 

Frans Hals, Porträt eines Paares, um 1622, Amsterdam, Rijksmuseum,
© Rijksmuseum, Amsterdam