7. Dezember 2022
Klanginstallation von Emeka Ogboh auf der Dachterrasse des Humboldt Forums. © Emeka Ogboh, Der Kosmos – Things Fall Apart, 2021 / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Foto: photothek.de

Klang-Kunst von Emeka Ogboh am Humboldt Forum

In der Sichtachse zur Kuppel hat der Künstler Emeka Ogboh auf der Dachterrasse des Humboldt Forums die Klanginstallation Der Kosmos – Things Fall Apart mit zwölf Stimmen geschaffen. Das Werk wurde im Rahmen des Wettbewerbs Kunst am Bau ausgewählt, knüpft an die Prinzipien und Wissensgebiete der Brüder Humboldt an und setzt sich zugleich kritisch mit der Kolonialgeschichte auseinander.

Wilhelm von Humboldts Faszination für Sprache und deren Fähigkeit, einem Kunstwerk gleichzukommen, bildet den Ausgangspunkt für Emeka Ogbohs Arbeit. Auf der Dachterrasse des Humboldt Forums hat er mit seiner Klanginstallation Der Kosmos – Things Fall Apart das Igbo-Volkslied Nne, Nne, Udu für zwölf Sänger*innen neu arrangiert. Das Lied ist eine Allegorie über ein Mädchen, das mit einem kostbaren Tontopf betraut wird, um Wasser zu holen. Ihr unvorsichtiges Verhalten führt dazu, dass der Topf herunterfällt und in Stücke zerbricht. Der zerbrochene Topf beeinträchtigt das psychische Wohlbefinden des Mädchens und seiner Gemeinschaft. In diesem Lied geht es um Handlungen und unbeabsichtigte oder weitreichende Folgen.

Das Volkslied und die Gesänge entstammen einer reichen Igbo-Tradition des mündlichen Erzählens von Lehrstücken und Metaphern. Nne, Nne, Udu wird von Gesängen begleitet, die an eine Zeile aus Chinua Achebes berühmtem Roman Alles zerfällt angelehnt sind. Dieser thematisiert die Folgen des Kolonialismus für die Igbo: „Er hat ein Messer auf die Dinge gelegt, die uns zusammenhielten, und wir sind zerfallen.“

Zwölf Lautsprecher, bezogen mit Akwete, einem traditionellen Igbo-Stoff, fügen die Einzelstimmen zu einem Chor zusammen. Choralmusik und Gesang erklingen zu jeder vollen Stunde. Emeka Ogboh: „Das volkstümliche Lied und den Gesang sehe ich als Metapher, was geschieht, wenn der kosmische Anker der Menschen, ihr Zugang zum Übernatürlichen, verletzt und durch eine fremde geistige Kraft ersetzt wird. Das Zentrum kann nicht mehr halten. Die Installation lenkt den Blick des Publikums auf die Inschrift und das Kreuz der Kuppel als Emblem der spirituellen Kolonisierung. Das christliche Symbol war ein Instrument der kolonialen Herrschaft in dem, was Europa als seine zivilisatorische Mission gegenüber der barbarischen nicht-westlichen Welt, einschließlich Afrika, bezeichnete.“

Hans-Dieter Hegner, Vorstand Technik der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss: „Der Klangteppich von Emeka Ogboh mit seiner wunderbaren Klangtextur ist spannend und symbolisch zugleich. Das Werk steht für die kulturellen Formen und Gesellschaften außerhalb von Europa. Es konterkariert eine eurozentristische Sichtweise auf Welt und Geschichte. Dies ist in ca. 40 m Luftlinie vom Kuppelkreuz und ca. 150 m Luftlinie vom Büro der deutschen Außenministerin ein einzigartiges Statement.“

Klanginstallation von Emeka Ogboh auf der Dachterrasse des Humboldt Forums.
Klanginstallation von Emeka Ogboh auf der Dachterrasse des Humboldt Forums.
© Emeka Ogboh, Der Kosmos – Things Fall Apart, 2021 / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Foto: photothek.de

Emeka Ogboh verbindet sich mit Orten durch seinen Hör- und Geschmackssinn. In seinen Audioinstallationen und gastronomischen Arbeiten erforscht Ogboh, wie private, öffentliche und kollektive Erinnerungen und Geschichten in Klang und Essen übersetzt, umgewandelt und kodiert werden. Diese Arbeiten untersuchen, wie Hör- und Geschmackserlebnisse existenzielle Zusammenhänge aufspüren, unser Verständnis der Welt einrahmen und einen Kontext bieten, in dem kritische Fragen zu Immigration, Globalisierung und Postkolonialismus gestellt werden können. Ogboh hat an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen, darunter die documenta 14 in Athen und Kassel (2017), Skulptur Projekte Münster (2017), die 56. Ausgabe der Biennale di Venezia, Italien (2015) und die Dakar Biennale (2014).


Ein Haus, vier Akteure: Die Vielstimmigkeit ist bereits in der Zusammenarbeit der Partner angelegt. Im Humboldt Forum kooperieren die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Humboldt Labor sowie Kulturprojekte Berlin und das Stadtmuseum Berlin mit der Berlin Ausstellung BERLIN GLOBAL.

Der von der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss ausgelobte Wettbewerb wurde 2020 als Teil der Baumaßnahme vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) betreut und durchgeführt. Die Jury würdigte, dass Ogbohs Werk einen Blick aus und auf kulturelle Formen und Gesellschaften außerhalb Europas repräsentiere. Es konterkariere somit eine eurozentristische Perspektive auf Welt und Geschichte.

In vorangegangenen Wettbewerben wurden bereits Kunst-am-Bau-Werke für sechs Standorte im Humboldt Forum realisiert. In zwei Treppenhäusern wurden die Arbeiten von An Seebach und Christiane Stegat aus Köln (am Hofportal 1) und Tim Trantenroth (am Hofportal 5) ausgeführt. In der zentralen Treppenhalle befindet sich die Skulptur von Kang Sunkoo. In den Wettbewerben für zwei Foyer-Standorte setzten sich das Künstlerduo Dellbrügge & de Moll (Foyer im Erdgeschoss) und Stefan Sous (1. Obergeschoss) durch.